The Casting Out

Album: „Go Crazy! Throw Fireworks!“
VÖ: 29.05. 2009
Label: Revolver Distribution Services
Vertrieb: Soulfood

The Band:
Nathan Gray – Vocals
,,Dr.” Lee Dickerson – Guitar
Jack Fusco – Guitar
Chris „The Reverend“ Rakus – Bass
Pat (ches) Cook – Drums

„Tot oder im Knast.“ Eigentlich stellt man einem Künstler keine Frage, die diese Antwort provoziert. Macht man nicht. Weder einem Newcomer noch einem, der seit über 15 Jahren seinen Lebensunterhalt als Sänger in einer Rockband verdient. „Was oder wo wärest du ohne die Musik?“ kann aber auch Wasser auf die Mühlen eines Besessenen sein. Nathan Gray gibt das offen zu. „Sollte dieser Neustart nicht glücken, bin ich nicht traurig. Dann ziehe ich eben mit meiner Akustikgitarre durch die Kneipen dieser Welt.“ Wer das Ende von „Rockstar“ (mit Mark Wahlberg und Jennifer Aniston) gesehen hat, hat das stimmige Bild vor Augen: ein Mann, eine Stimme, eine Gitarre… Mit Lagerfeuerromantik ist Nathan Gray bisher weniger in Verbindung gebracht worden, sein „Baby“ Boysetsfire war das glatte Gegenteil: laut, schnell und vor allem – politisch. Eine Punkrocklegende mit Hardcore-Background, vier Alben voller Wut, aber auch Lebensfreude. 2007 nicht zerbrochen an ihrer Mission, die Welt zu verändern, sondern an unterschiedlichen Lebensentwürfen. Manche Menschen gründen mit Mitte 30 Familien und bauen sich ein Nest, andere nennen ihre nächsten Projekte „Go Crazy! Throw Fireworks!“…

„Ich weiß, es klingt blöd und auch kindisch, aber das ist ein Zitat von Ozzy Osbourne. Unser Manager hat uns die Geschichte erzählt, und wir haben uns weggeschmissen vor Lachen. Ozzy tourte in den Achtzigern mit einer unbekannten Metal-Band, der Name ist unwichtig, durch die USA. In irgendeiner Stadt im Mittleren Westen war das Publikum so aggressiv, dass sie die armen Kerle mit brennenden Feuerwerkskörpern von der Bühne jagten. Als Ozzy dann auf die Bühne stolperte, brüllte er noch vor dem ersten Song „Go Crazy! Throw Fireworks!“ Das ist irgendwie haften geblieben…“

Das Debüt von The Casting Out macht seinem Namen alle Ehre und vor allem Spaß. Apropos: Ursprünglich wollte Nathan nach dem Ende von Boysetsfire eine komplett andere Richtung einschlagen, Stichwort: Soloalbum. Das klingt nach schwerer (Kopf)Geburt und auch ein wenig egomanisch, ist es aber dann doch nicht geworden. „Ich wollte nach Boysetsfire mehr in Richtung atmosphärischen Keyboard-Sound gehen, wie auf der EP ??? zu hören ist. Darby Dinatale („The PMS Song“) und ich experimentierten anfangs, aber sie konnte und wollte nach ihrem Umzug nach Kalifornien nicht mehr auf Tour gehen. Ich für meinen Teil bin gerne unterwegs. Touren macht Spaß! Außerdem ist es für mich spannender, Leute zu überzeugen, die uns nicht kennen, als ein Publikum zu unterhalten, das genau weiß, was es serviert bekommt, weil sie deswegen gekommen sind. Wir spielen live übrigens auch keine BSF-Songs, aus eben diesem Grund.“ Boysetsfire-Gitarrist Joshua Latshaw gehörte übrigens zur Urformation von The Casting Out (als sie noch Gimme Shelter hießen, dann aber wegen der unzähligen Rolling Stones Coverbands gleichen Namens etwas Neues brauchten, siehe oben), kann aber nach seinem schweren Sturz (u.a. Genickbruch), an dem er beinah gestorben wäre, nicht mehr so, wie er will. Außerdem hat er mittlerweile Familie und drei Kinder. Beide, Josh und Darby, sind übrigens „Ehrenmitglieder“ von The Casting Out und haben großen Anteil an der Entstehung von „Go Crazy! Throw Fireworks!“.

Nathan Gray ist stolz auf die Evolution. Nicht auf Darwin, sondern auf die seine, die eigene, die persönliche. Denn auch Protestsänger kommen an ihr Limit. Obwohl der 68-Jährige Bob Dylan immer noch tourt und die Welt mit Nuschel-Country & Blues verbessern möchte, sieht Nathan seine Rentnerzeit etwas anders: „Ich bin immer noch ein politischer Mensch und werde es auch immer sein, aber irgendwann war ich an den Punkt gekommen, an dem ich auch einfach mal nur Spaß haben wollte. Auch wenn man sich über die Welt und die ganzen Probleme ständig Gedanken macht, muss man keine schlechte Laune haben. Im Gegenteil, ich finde es wunderbar, wenn man durchaus schwierige Problematiken in zuckersüßen Melodien verpackt. Das vereinfacht den Transport.“

Und die Botschaft kommt an. Wie in „Don’t Forget To Breathe“ (handelt von Nathans früheren Panikattacken), eine lupenreine Skate-Punk-Hymne, die eher nach Westküste und Waschbrettbauch klingt als nach Ostküste und Waschbären (Gray lebt im beschaulichen Newark im US-Bundesstaat Delaware). „Ich wollte ins Stadion, ich mag es, wenn die Leute meine Texte mitsingen. Auch wenn sie Themen behandeln, die ernst sind.“ „Quixote’s Last Ride“ zum Beispiel handelt vom berühmtesten aller Windmühlenbekämpfer, der Text ist sein fiktiver Abschiedsbrief, er will nicht mehr. Verzweifelt an sich und der Welt, wie sie ihn sieht. Nathan stellt die berechtigte Frage, wer denn die eigentlich Verrückten sind, die Angepassten oder die Außenseiter. „Lullaby“ ist eine Anleitung, wie man sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht („It’s no miracle that I’m still standing“), immer im Hinterkopf habend, „wie wichtig Musik sein kann. Musik hat mich schon immer aus ausweglosen Situationen gerettet.“ Nathan sagt von sich, er sei zwar extrovertiert, aber nicht offnen, er spräche kaum über seine Gefühle, sondern transportiere diese durch seine Musik. Wer Textzeilen wie „I’m not angry anymore“ aus „Don’t Forget To Breathe“ hört, weiß, wie schön diese Art von Ausdruck sein kann. Ein weiter Weg von „The Misery Index“ (BSF) zu „I Feel Fine“ (TCO), aber er ging ihn trotzdem.

Und auch wenn er es abstreitet, es gibt den roten Faden dieser Platte: Er heißt Reife. Ob Gray über gescheiterte Beziehungen („Liar (And The Award Goes To…))“ oder („Just Pretending“), das triste Leben in der Provinz („Walk Away“) oder seine zurückliegenden Drogenprobleme („A Sort Of Homecoming“) singt, in jedem Wort, in jedem Ton steckt Hingabe und Herzblut eines Mittdreißigers, der sich seine Jugend konserviert hat. Ohne Naivität, aber mit Begeisterung betritt er den nächsten Abschnitt seines Lebens, mit einer Band, in der er nur zu Beginn der Boss war („Bei meiner Vergangenheit ziemlich logisch“), aber in dessen Gefüge er nun „nur noch Sänger und Texter“ sei. Eine Rolle, die ihm liegt. Und die er kann. Auswendig. Der Titel der Platte, aber auch der letzte Song sind Programm: „Dial 9-1… And Wait“. Schon mal die ersten beiden Ziffern der Notrufnummer wählen und dann schauen, was passiert. Das Leben ist spannend. Und wird besser durch Platten wie „Go Crazy! Throw Fireworks!“. Das kann auch der ewige Bob Dylan nicht verhindern. Gray will übrigens touren, bis er 80 ist…

Jörg Staude/VISIONS


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