Ulrich Tukur

MEZZANOTTE – LIEDER EINER NACHT

Was die Nacht nicht hat, das macht sie – Gespenster oder wenigstens Falter, tausend Augen und alle Katzen grau. Und dazu Lieder, selbstredend, für jede Schattenseite und Stimmung passend, von sternenklar bis pechrabenschwarz. Sich unter all diesen Gesängen und Geschichten zu entscheiden, wäre schon problematisch, noch dazu Entdeckungen zu machen, fast vergessene Schätze der Lied-, Song-, Chanson- und Canzone-Kultur neben den immergrünen Hits zu heben, scheint nahezu unmöglich. Doch es gelingt Ulrich Tukur und seinen musikalischen Mitstreitern unter der Leitung von Lutz Krajenski auf diesem Album – mit Bravour. »Die Nacht ist eine dunkle Folie, vor der sich unendlich mehr abspielen kann als vor der zu hellen des Tages«, sagt Ulrich Tukur, am Rande der Aufnahmen zu Mezzanotte, stilecht übernächtigt von einer Feier in der legendären Silbersack-Kneipe auf St. Pauli. Schon steigert sich der singende Schauspieler von »der parallelen Welt der Nacht« über die »Wahrheiten neben dem Tagesleben« in eine schwärmerische Rage. »In der Nacht passieren die absonderlichsten Dinge«, betont er. »Die Nacht ist spannend, und sie steht für so viel: für Liebe, Tod, Verbrechen, Rausch . . . Das sind doch tolle Themen, die sich da unter dem Stichwort ›Nacht‹ subsumieren – kein Wunder, dass sie so unendlich oft besungen, angedichtet und verkomponiert worden ist.«

Die Idee, ein abend- und schallplattenfüllendes Programm daraus zusammenzustellen, hatte Ulrich Tukur schon vor geraumer Zeit, schließlich ist er nicht nur als Träger zahlreicher Filmpreise bekannt und beliebt, sondern auch als Sänger, als musikalischer Geschichtenerzähler, sogar als Ehrenpräsident des Chores im toskanischen Städtchen Montepiano. Eigentlich wollte er diese »Lieder einer Nacht« mit seinen eigenen Rhythmus Boys umsetzen, doch schon bald wurde eine umfassendere Angelegenheit daraus: Mit dem Keyboarder Lutz Krajenski, der gerne auch für Roger Cicero arrangiert und dessen Bigband leitet, unterstützt von einem guten Dutzend fabelhafter Musiker stürzte sich Tukur mit fast zwanzig Stücken bewaffnet in dieses Abenteuer. Neben dem Bühnenprogramm, einem »Kaleidoskop nächtlicher Lebensillusionen« in Wort, Tat und Lied, in dem Tukur in Personalunion als Flaneur, Verführer, Spieler, obendrein verrückt, verzweifelt und sehnsüchtig brilliert, erscheint nun dieses wunderbare Album mit seinen persönlichen Lieblingsliedern zur Nacht.

»Ich habe einfach herumgesucht«, meint Ulrich Tukur, nuschelig und nebensächlich, fast so, als hätte er keine 2000 einschlägigen Schellackplatten gesammelt und sich keine enorme Kenntnis der Materie angeeignet. »Die Hauptsache war, dass es Lieder sind, deren Melodien mir gefallen und die auf poetische und schöne Art und Weise mit der Nacht zu tun haben. Und natürlich musste ich sie auch singen können, schließlich habe ich keine große, ausgebildete Stimme. Für Bigband-Nummern ist sie eher ungeeignet, leider, aber die Chansons und Kabarettstückchen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stehen ihr ganz gut.«

In gewissem Sinne spannt Ulrich Tukur hier außerdem einen Bogen, der weit in die Anfänge seiner darstellerischen Karriere zurückreicht. Natürlich ist seine Geschichte hinlänglich bekannt, aber weil sie so schön ist, hier noch einmal die Kurzfassung: Im Sputnik-Jahr 1957 in Viernheim im Rhein-Neckar-Dreieck geboren, studierte Ulrich Tukur nach dem Highschool-Abschluss in Boston und dem Abitur in der Wedemark zuerst Germanistik, Anglistik und Geschichte. »Die Schauspielerei hat mich nie interessiert«, sagt er. »Ich stamme aus einer sehr bürgerlichen Familie und habe mit sieben Klavierunterricht bekommen, der mich enorm gelangweilt hat – bis ich in einem Geschäft ein Heft mit Boogie-Woogie-Noten geklaut habe. Ich hatte kein Geld, wollte aber unbedingt diese Noten haben. Das gab vielleicht Ärger, als es rauskam, je eine Ohrfeige von meiner Mutter und von der Klavierlehrerin! Später bekam ich dann einen ganzen Stapel alter Schellackplatten von meiner Tante. Mondnacht auf Kuba war meine erste Platte. Meine Schulkameraden hörten die Beatles oder Creedence Clearwater Revival, ich eher Rudy Vallee oder Eric Helgar.« Schon während seines Stu¬diums in Tübingen sang Tukur zu seinem Akkordeon mit einem Freund aus dem Germanistik-Seminar alte deutsche Schlager in der Fußgängerzone. Das Programm, mit dem die beiden auch bei Sparkasseneröffnungen oder Altennachmittagen auftraten, firmierte als »Schleim- und Behelfsjazz. Oft erreicht und nie kopiert: die Floyd Floodlight Foyer Band«. Dass er bald und über zwei einschneidende Begegnungen mit Dominique Horwitz zur Schauspielerei kam, ist sozusagen Geschichte. Dass Ulrich Tukur darüber hinaus auch nach dem Bayerischen Filmpreis, der Goldenen Kamera und seinen Paraderollen in Das Leben der Anderen, Séraphine oder dem Tatort eine ungebrochene Leidenschaft für die Musik verspürt, ist bei Mezzanotte unverkennbar.

»Die neuen Lieder habe ich mir alle beibringen müssen«, gesteht er, »vor allem die französischen wie J‘ai peur de coucher tout seul oder Le Soleil et la lune. Vecchio frack kannte ich früher noch nicht einmal, dabei war es ein großer Erfolg für Domenico Modugno und vielleicht sein beliebtestes Lied in Italien.« Diese dramatische Liedgeschichte um den alten Selbstmörder im Frack gab schließlich den Anstoß zu Mezzanotte und zieht sich wie ein roter Faden durch das dazugehörige Bühnenprogramm. Davon ausgehend ergründet Ulrich Tukur mit seiner charmanten und angenehm patinierten Tenorstimme auch Werner Bochmanns Die kleine Stadt will schlafen geh’n oder den Coco-Schumann-Hit Ausgerechnet heute Abend.

Zu seinen Entdeckungen zählt der Schlager Hörst du das Meer? von Wera und Alexander von Chevtschenko. »Das Stück habe ich zum ersten Mal auf einer alten Schellackplatte gehört«, erzählt der Interpret. »Damals hat es Maria von Schmedes gesungen. Eine wahnsinnige Schnulze über das Meer, die Nacht und den Wind, aber wunderschön.« Auf Mezzanotte findet sich Hörst du das Meer? in einem herzerweichenden Duett mit Margot Hielscher, einer der großen Schauspielerinnen der Ufa, die 1941 an der Seite von Zarah Leander debütierte. »Dieses Stück mit ihr zu singen, war natürlich ein ganz besonderer Moment«, erinnert sich Tukur. »Sie ist inzwischen neunzig und lebt allein in einer Villa in München-Bogen¬hausen. Sie hat für Benny Goodman und Leonard Bernstein gesungen, und auch Erich Kästner soll sich sehr intensiv für sie interessiert haben. Sie singt ihren Part sehr einfach, ganz rührend und total schön.«

Zwischen den attraktiven alten Liedern der Nacht finden sich indes auch zwei nagelneue: Zur schrecklich-schönen Moritat von Willy Williams, die hier als Bonus Track zu hören ist, hat Tukur nicht nur die Musik, sondern auch den Text verfasst, in Anlehnung an Bertolt Brechts Aufarbeitung der Mördergeschichte um Johann Apfelböck und ausgerechnet als Hausarbeit für seine in den USA aufgewachsene Tochter Lili – oder war es deren Schwester Marleen? Die Großstadt träumt, »ein Stück post-expressionistischer Großstadtlyrik in der Tradition von Mascha Kaléko«, stammt textlich von Tukur und musikalisch von Lutz Krajenski. »Herr Lutz, der Orchesterchef, dieser Mann ist nicht nur ein unglaublicher Könner«, schwärmt Tukur, »sondern auch sehr sympathisch und affirmativ. Ganz toll, was der hier arrangiert und komponiert hat.«

Tatsächlich ist Mezzanotte ein Gemeinschaftswerk, bei dem jedoch Ulrich Tukur als Interpret und Impresario ganz deutlich im Vordergrund steht. »Ich bin sehr froh, dass die Idee und die Musik so gut zusammengekommen sind«, sagt der erklärte Nachtmensch. »Auch bin ich wirklich glücklich, dass wir das Ganze in so vielen Sprachen hingekriegt haben. Im Englischen und Deutschen fühle ich mich sehr heimisch, bei den französischen und den italienischen Liedern hört man, dass es ein Deutscher singt. Aber das darf auch so sein.« Er fasst sich ans Kinn, schauspielt den Nachdenklichen, und sagt dann: »Nur leider haben wir das Thema ja nicht ganz durchgehalten: Illusions ist kein Nachtlied. Aber man kann sich ja auch nachts Illusionen machen, die am Tag in Nichts zerfallen. Und überhaupt: Diese tolle Version von Marlene Dietrich, die sie im Film A Foreign Affair von Billy Wilder gesungen hat, findet schließlich in einem Nachtklub statt. Na bitte, passt also doch!« Da lacht er, der singende Schauspieler, zitiert den geliebten Text von Friedrich Hollaender – »want to buy some illusions, slightly used, second-hand?« – und geht ab, in die Nacht.

Götz Bühler

 

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