The Ting Tings

Album: We Started Nothing
VÖ: 30.05.2008
Single: That´s Not My Name
2. Single: Great DJ

Es ist nichts, was man in einer aus Manchester stammenden TV-Komödie zu sehen bekommen könnte, aber der kleine Vorort Salford – so munkelt man – hat eine kunstvolle andere Seite zu bieten. Eine Seite, die zu einer Art nord-britischer Ausgabe der frühen Warhol-Fabrik heranwächst. Gegründet in einer ehemaligen, stillgelegten Mühle und umzingelt von Behördenbauten, hat dieses Fleckchen sein erstes Sternchen vorzuweisen: Please welcome The Ting Tings – die Sonny & Cher der Gegenwart aus dem britischen Salford!
The Ting Tings sind Jules de Martino und Katie White. Sie trafen sich, als Katie ihr Schulmädchen-Dasein in der kleinen Industriestadt Wigan (Nähe Manchester) beendete, und beide verbündeten sich mit dem gemeinsamen Ziel, die Popmusik zu rocken.
Aufgezogen mit einer exquisiten musikalischen Kost aus Radio-Popmusik („all dieser alte Mist halt“) auf einem Bauernhof mit dem geschmackvollen Namen Slag Lane („damit musste ich auf dem Schulhof und Spielplatz dann eben leben“), ist Katie nun die vielleicht ungewöhnlichste Frontfrau, die man als Aushängeschild für Manchesters Rand-Bohème erwartet. Sie redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, gibt zu, durch „einen massiven Komplex“ angestachelt zu sein und hatte nichts von The Smiths g ehört, bis sie The Mill, diese Mühle, betrat. Sie besitzt auch die einzigartige Fähigkeit, in einer Art und Weise völlig hektisch über die Bühne zu peitschen, so wie es zu einem Gebrauchtwarenladen-Prediger passt. Man wird es nun nicht vermuten, aber ihre musikalische Laufbahn begann in einer Mädchen-Band, die, wie sie selbst freimütig zugibt, „so etwas war, was man Mitte der 90er Jahre eben gemacht hat, oder!?“. Man könnte sich gut vorstellen, wie Katie allen Männern die Köpfe verdreht, allein dadurch, dass sie vorm Night and Day-Cafe in der Oldham Street eine Kippe raucht oder auf der Straße gegen die Schließung von Afflecks Palace protestiert. Sie ist die Inkarnation eines schroffen Alternative-Girls aus dem Norden Englands. Lustig, unverschämt, nicht einen langweiligen Knochen in ihrem Körper und immer mit einem Ohr am Refrain.
Jules ist das Yin zu Katies Yang. Im Osten von London geboren und aufgezogen und seiner frühen Kunstschul-Erfahrungen überdrüssig, ist sein Metropoliten-Charme das direkte Gegengewicht zu Katies barscher Nord-Natur. Er mag ein wenig pragmatischer als seine Frontfrau erscheinen, bis zu dem Moment, in dem er auf sein Schlagzeug als ihr musikalisches Gegenstück eindrischt. The Ting Tings sind wie ein Zwei-Wege-Getriebe. Sie setzen sich gemeinsam an die Texte und die Musik. „Wenn es sich richtig anfühlt“, sagt er, „dann kommt es rein, wer auch immer damit um die Ecke kam.“ Jules räumt ein, dass es Katie war, die ihm beibrachte, den puren Kick der Popmusik zuzulassen. „Obwohl wir aus zwei entgegengesetzten Ecken des musikalischen Spektrums kommen, haben wir auf eine Art die Rollen getauscht. Ich war eigentlich immer ‚der Alternative‘, aber jetzt ist das genau anders herum.“

Der Kern dieses mutigen, kunstvollen, doppelköpfigen Power-Pop-Anschlags der Ting Tings liegt zuhause, in dieser alten Mühle. Diese Heimat der Bildhauer, Maler und DIY-Musiker gab allen die Möglichkeit, frei darüber schalten und walten zu können, was sie in ihren privaten Bereichen der Kreativität machen wollten. Zu urban, um als eine bloße Kommune bezeichnet zu werden, war der einzige Zeitpunkt, an dem die Bewohner dieses vielfältigen und strahlenden Ortes zusammenkamen, für spontane Clubnächte, die sich bereits vor ungefähr einem Jahr schon als die Manchester-Sensation herumsprachen. „Es gab nicht viele Orte, an die man gehen könnte und sich zu White Noise mit irgendwas zudröhnen“, merkt Katie an.
Es war in ebendieser Mühle, wo Katies abgerundete musikalische Ausbildung begann – dank Jules. Denn er führte sie an Talking Heads und Velvet Underground heran. Sie fing an, ein wenig für die Heads-Bassistin und Tom Tom Club-Frontfrau Tina Weymouth zu schwärmen. Ihre Unkenntnis in Sachen The Smiths wurde im Keim erstickt, als der einstige Gitarren-Gott Johnny Marr sich einen Raum in The Mill mietete, und Katie so dann hin und wieder von dem verrückten Pop-Kram hörte, der den Flur entlang schallte. Die Ting Tings sind also nicht die bekanntesten The Mill-Bewohner, zumindest noch nicht.
Jules und Katie haben über vier Jahre lang zusammen Songs geschrieben. Sie begannen zunächst mit abwechselnden Besuchen zwischen Manchester und London („Ich bin bei ihrem Dad auf dem Bauernhof geblieben und wir haben in der Scheune an unseren Songs geschrieben“, erklärt Jules, „was eine günstige Variante war.“), bevor Jules beschloss, in den sauren Apfel zu beißen und in den Norden zu ziehen.
Ihre ersten ernsthaften Gehversuche machten sie als ein Trio, mit einem zusätzlichen DJ, der sich Dear Eskiimo nannte. Ein lokal gefeiertes Dreiergespann mit einem Mann an den Decks („wir waren die Könige des nördlichen Toilettenkreises“ lenkt Katie ab), was eine kurze Aufmerksamkeit in der Stadt hervorrief, bevor sie in der Plattenfirmen-Hölle untergehen sollte. Jules war bereit, die musikalische Beziehung, die er zu Katie aufgebaut hatte, hinzuschmeißen, als Dear Eskiimo auseinanderbrach. „Aber sie“, sagt Jules heute, „hatte Biss.“
„Plötzlich war ich wütend“, sagt Katie und nimmt den Faden der Geschichte auf. „Und ich hatte etwas, über das ich singen konnte.“ Der entscheidende Moment kam ihnen in ihrem Studio in der Mühle, als Jules zu seiner ersten Liebe, dem Schlagzeugspiel, zurückfand und Katie beschlossen hatte, die Gitarre in die Hand zu nehmen. So nahmen The Ting Tings ihre Gestalt an. „Sie spielte einen D-Akkord, den ich ihr gezeigt hatte, ziemlich schlecht. Sie schwang die Gitarre durch die Gegend, schrie herum und ließ sie fallen. Das war dieser Moment. Wir fanden unsere Energie durch einen lausigen Akkord, aus dem „Great DJ“ hervorging. Wir machten daraus einen Loop und konnten loslegen.“
Genau in dem Moment, als sie dachten, dass sich niemand für sie interessieren würde, klopfte die Welt bei ihnen an. The Ting Tings sind eine große britische Pop-Story: Sie durchbrechen die Regeln und alle anderen werden folgen. „Wir haben nicht geglaubt, dass sich jemand uns anhören oder sogar für uns interessieren würde“, sagt Jules. „Wir wussten eigentlich nur, was wir machen wollten.“
Das erste Anzeichen für die einzigartige Brillanz der Ting Tings kam mit der ersten Version von „That’s Not My Name“ (ein bisschen wie „My Sharona“ für die Indie-Disco) an die Öffentlichkeit. Jener Song, den sie als direkte Antwort auf die Abgestumpftheit der Plattenindustrie geschrieben hatten und der zudem wie eine feministische Zurückweisung dürftiger Anmachversuche daherkommt. In altbewährter DIY-Tradition ließen sie die Single in limitierter Auflage und mit einem handgemachten Artwork pressen, was die Anything Goes!-Attitüde der Band selbst widerspiegelt. Die Begeisterung sprach sich im Nordwesten Englands schnell herum und der Tonträger war innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft.
Mit ihrem dritten Auftritt in The Mill – „eigentlich also in unserem Wohnzimmer“, erklärt Jules – lösten sie eine Plattenfirmen-Hysterie aus. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich das Leben dieser beiden Menschen, die sich 2007 schon als „beschädigte Ware“ sah, die vom Plattenfirmen-Fließband runtergeschmissen wurde, 360 Grad um seine eigene Achse gedreht.
Das Touren wurde von zentraler Bedeutung für die Band, als sie mit Katies Mini, im Kofferraum ein Kinder-Drumkit und ein paar Verstärker, durch die Gegend reisten. The Ting Tings leben für das Livespielen. Nach einer Indie-Single und diesen apokalyptischen Shows wurden sie im letzten Jahr auf die „BBC Introducing“-Bühne des Glastonbury Festivals eingeladen. Diesen Sommer dürften sie als Riesensensation zurückkehren, mit einem brillanten Album im Gepäck.
Als letzten Herbst der funkige Call & Response-Song „Fruit Machine“ veröffentlicht wurde, waren The Ting Tings bereit für die internationale Bühne. Im Zuge eines ausgeklügelten Kunst-Schabernacks spielten sie Konzerte in Manchester, London, Berlin und New York, und luden die Anwesenden im Publikum dazu ein, ihr eigenes Artwork für die Single zu designen und die Hüllen dann weltweit zu tauschen. „Wir müssen eben die Dinge auf unsere Art und Weise machen“, sagt Jules, „da führt kein Weg drumherum.“
Gemeinsam haben Jules und Katie einen Sound entworfen, der das Herzstück britischen Pops repräsentiert. Angetrieben durch Persönlichkeit, unbändigende Impulsivität, Freundschaft und die Liebe zur großen Popmusik – wie auch immer sie stilisiert wird – haben The Ting Tings gelernt, nicht mehr auf die Details zu achten, an denen sie sich mit Dear Eskiimo abgeschuftet hatten. Sie fuhren ihr neues Biest nun mit purem Adrenalin. Ihr sensationelles Debüt „We Started Nothing“ ist durchsäht mit diesem Adrenalin und ein Album geworden, das dich beim ersten Hören packt und sich dann weigert, aus deinem Kopf zu verschwinden. Knackige Refrains wechseln sich mit kantigen Gitarren ab, elegant peitschendes Schlagzeug trifft auf eine Aneinanderreihung von Loops, die sie live mit Delay-Pedals erzeugen. Zur einen Hälfte stark an eine resolute Girlband aus der CBGBs-Schule erinnernd und zur anderen Hälfte von dem post-modernen Verlangen beseelt, die Codes des maßgeschneiderten Pops zu knacken, ist ihr Sound sofort identifizierbar und absichtlich ganz schön kess.
Als eine wahnsinnig ansprechende Mischung aus Go-Gos-Beat-Pop, clubbigen Beats und Katies gesanglicher Darbietung, die einen so fesselt, dass es fast wehtut, haben The Ting Tings ihr gesamtes Album in sechs Wochen in The Mill entworfen. Es ist ein Achterbahn-Mix aus Energie, Wut und purer Pop-Erregung. „Es gibt nichts daran auszusetzen, wenn die Leute es beim ersten Hören gleich verstehen“, sagt Jules. „In der Tat ist es das, was wir wollen – wenn wir überhaupt sagen könnten, dass hinter all dem so etwas wie eine Intention steckt.“
Wenn dort ein loser roter Faden zwischen den Songs besteht, ist es der Umstand, dass Katie manchmal mächtig angepisst ist – aber das ist keine schüchterne Teenager-Poesie. Es geht einfach nur darum, gehört zu werden. „That’s Not My Name“, „Fruit Machine“ und „Great DJ“ eint ein einzigartiges Frauen-Herrschafts-Motiv und eine ungeordnete wie auch seltsam geordnete Disco-Punk-Energie. „Great DJ“ mit seinem infektiösen Schlachtruf-Refrain („The Girls! The Boys! The Strings! The Drums!“) hat den Äther von Radio One schmelzen lassen und wurde die erste nicht in den Charts aufgeführte Single, die zwei Monate im Voraus bereits rotierte. Das sanfte, trällernde „Traffic Light“ ist dann die erste riesige Überraschung auf diesem Album, aber die positive Energie der The Tings Tings schwindet zu keiner Sekunde. Denn sie sind das Gegenteil der Introspektion. Und eines ist ganz sicher: Bevor du es merkst, wurdest du schon augenblicklich zu den Funk-Licks und dem anschwellenden Vergnügen „Shut Up and Let Me Go“ und „Keep Your Head“ zurückkatapultiert.
Wenn das Ting Tings Debüt nach dem Sound von 2008 klingt, werden dem viele zustimmen. Auf Musikindustrie-Symposien und genauso von Kindern an der Ecke der städtischen High Streets als ein „Must-Hear“ beworben, ist es live so, als wenn das gesamte Unternehmen seine dritte Dimension bekommt. Nicht, dass es überraschen würde, aber sie wurden Anfang 2008 auf die alljährliche „NME New Music-Tour“ eingeladen. Diese Herausforderung wurde von den beiden glänzend gemeistert – diesen beiden, die einst damit begannen, Musik für niemanden als sich selbst zu machen.

Tourdaten:

www.thetingtings.com


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