Handsome Furs

People Changes
Sub Pop/Cargo Records
Vö.: 01.07.2011

 

 

 

Kalt. Fremd. Gefühllos.

Dies sind nur drei Begriffe, die der elektronischen Pop Musik zugeordnet sind. Ja, Wendy Carlos begleitete Stanley Kubricks dystopische Vision von “A Clockwork Orange” mit rohen Synthesizern, aber das ist 40 Jahre her! “Forbidden Planet” und dessen nervenaufreibender Soundtrack von Bebe und Louis Barron waren nicht mehr zeitgemäß seit Dwight D. Eisenhower die Bleistifte im Weißen Haus spitzte. Die Aussage, dass sich elektronische Musik irgendwie von der menschlichen Erfahrung gelöst hat, ist so überholt wie Gummitwist.

Das kanadische Zweigespann HANDSOME FURS schütteln diesen Mythos auf “Sound Kapital” nicht einfach nur ab, sondern lehnen dies mit jeder Faser ihres gemeinsamen Seins ab. Wie FAD GADGET und SUICIDE vor ihnen, benutzt das Ehepaar Dan Boeckner und Alexei Perry Keyboards und Drum-Computer um die lebensbejahenden Hymnen eng mit Muskel und Blut zu verschweißen. Diese neun Songs der Unschuld und Erfahrung schauen gelegentlich vor in eine bessere Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft, aber HANDSOME FURS wissen, dass sie sich in der Gegenwart befinden. Sie sind voll und ganz im Moment und ihrer Umgebung engagiert, wo auch immer das sein möge.

“Sound Kapital” ist das erste HANDSOME FURS Album, das ausschließlich auf Keyboards geschrieben wurde, obwohl

Gitarren nach wie vor stark in den Aufnahmen präsent sind. Das war eine bewusste Entscheidung, beruhend auf einigen Gründen: a) es zwang Dan, dessen Primär-Instrument die Gitarre ist, neue Wege zu finden, um sich auszudrücken; b) Es erleichtert das Schreiben unterwegs. Letzteres ist speziell von Bedeutung. Selbst mit ihren neuen analogen Synthesizern passt das gesamte Equipment von HANDSOME FURS in einen Kleinwagen – oder den Satteltaschen eines Kamels. Alexei und Dan machten sich darüber lustig, “closet journalists” zu sein, aber das ist nicht zum Lachen. Die Möglichkeit zu arbeiten, während man reist, ermöglicht viszerale Veränderungen durch deren augenöffnenden Abenteuern. Das nervöse, electro-hardcore “Damage” beinhaltet Samples aus Radiosendungen über eine Geiselnahme in Hongkong die stattfand, während sich die FURS auf den Philippinen aufhielten.

Wenn die elektronische Klangfarbe und die einfachen Melodien von “Sound Kapital” Erinnerungen an frühe OMD und

DEPECHE MODE hervorrufen, so sei es. Dem kann nicht geholfen werden, ein Nebeneffekt des Gebrauchs der Instrumente. HANDSOME FURS waren nie “Drag-and-Drop” Songwriter, sie bevorzugen stattdessen leichte Ungereimtheiten, die auftreten, wenn Instrumente nicht via MIDI-Sequenzer synchronisiert werden, sondern einfach nur auf Knöpfe und Saiten mit mehr oder weniger der gleichen Intensität geschlagen wird. Da ist nichts absichtlich “Retro” auf “Sound Kapital”. Höre bei “Memories Of The Future” rein. Dan und Alexei machen keinen Hehl über deren Abneigung gegen Nostalgie, lassen ihrer Frustration an Kollegen aus, die Stunden damit verbringen, sich 70er Jahre Snack-Food Werbungen und Samstags Morgen Cartoons auf YouTube anzusehen, während das 21. Jahrhundert nach vorne ins Ungewisse taumelt.

 

Einen musikalischen Präzidenzfall, den HANDSOME FURS anerkennen, ist die Haltung, die, durch die hart zu findende 80er Jahre Ostblock Electronic und Industrial Seite, der sie während ihrer Reisen lauschten, zu hören. Während sich westliche Bands von der Reagan/Thatcher Ära ins sonnige Compass Point zurückzogen, um von Grafen-freundlichen Reflektion über die Würde der Arbeit zu träumen, lebten ihre Gegenstücke in Jugoslawien, Polen und Bulgarien die Realität, arbeiteten in explosionsgefährdeten Chemieanlagen am Tag und weichten dem Geheimdienst aus bei Nacht. Dieser anhaltende Kampf gegen alle Widrigkeiten heizt “Repatriated” und “Cheap Music” an, Stücke, die inspiriert wurden von den jungen Bands, mit denen HANDSOME FURS unter unglaublich risikoreichen Umständen und in unterdrückten Regionen gespielt haben, wie Myanmar und der Stadt Wuhan, in Chinas Hubei Provinz. HANDSOME FURS planen nicht, auf die kanadische Staatsbürgerschaft zu verzichten, jedoch geloben sie auf “Sound Kapital” durchwegs auf etwas Größeres: Die internationale Familie von Künstlern, die es wagen, der Autorität zu trotzen.

Es sind nicht nur die Leute, die sie auf Reisen durch Südafrika, den fernen Osten und Ost-Europa getroffen haben, die sie inspiriert haben. Der Kulturschock beeinflusst ebenfalls ihre Musik. In den Metropolen von China und Korea, entdeckten Dan und Alexei Straßen, dicht bestückt mit Bars und Shops aus denen verschiedene Klänge der blechernen Pop-Musik in selber Lautstärke dröhnt, deren Fassaden von hellen, blinkenden Lichtern beleuchtet werden. Die daraus resultierende Kakophonie wird beschrieben als “renao” (was grob übersetzt “heiß”, aber auch “geräuschvoll” bedeutend), was Chinesen als etwas Positives ansehen. “No Feelings” der klimatische und letzte Song des Albums billigt keinen Nihilismus oder die Tilgung von Emotion. Stattdessen zelebriert es die Freude ein unbeschriebenes Blatt zu sein, offen für solch fremde Erfahrungen; es versucht also diese Reizüberflutung durch das Fönen der White-Noise Gitarren im Zentrum des Songs zu reproduzieren. “Sound Kapital” wurde im verfallenen Studio der FURS in Montreal in kürzester Zeit aufgenommen, poliert und geprobt, anschließend für die Nachwelt konserviert von Langzeit-Produzent Howard Bilerman und Arlen Thompson bei Hotel2Tango, gemixt von den finnischen Kumpels Antti Joas und Jonas Verwijnen bei Kaiku Studio in Helsinki und Berlin, und gemastert von Harris Newman bei Grey Market Mastering in Montreal. Fans, denen die früheren HANDSOME FURS Alben gefallen haben,

“Plague Park” (2007) und “Face Control” (2009), werden ohne Zweifel den klareren Sound und die Abstinenz langsamer Tempi bemerken. Dies ist auch gewollt. Auch wenn sie über hässliche Wahrheiten singen, wollen Dan und Alexei zunehmend Hörer mit Hoffnung instillieren – oder zumindest den Ansturm an Endorphinen, der das kräftige Tanzen begleitet.

 

Kalt, fremd und gefühllos? Wohl kaum. “Sound Kapital” ist heiß, geräuschvoll, Reizüberflutet… und bereit, es mit der Welt aufzunehmen.

 

HANDSOME FURS on Tour:
18.09.2011 Münster – Gleis 22
21.09.2011 Köln – Blue Shell
22.09.2011 Hannover – Glocksee
23.09.2011 Hamburg – Reeperbahnfestival
24.09.2011 Berlin – Berlin Independent Night
26.09.2011 München – Kranhalle
27.09.2011 Stuttgart – Schocken

 

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