Adam Green – „Aladdin“

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ADAM GREEN
Album: „Aladdin“ – VÖ 29.04.2016
Single: „Never Lift A Finger“ – VÖ 22.01.2016
Label: Revolver Distribution Services
Vertrieb: Rough Trade
Film: „Adam Green’s Aladdin“ – Start Mai 2016

Der Indie-Minimalist Adam Green hat im Verlauf seiner Karriere einige Inkarnationen durchlaufen. Er war der Clown, der Narr, der große Crooner und Performer ebenso wie der liebenswürdige Spinner und, ja auch das, ein bisweilen verpeilt wirkender Drogenfreak. Vor allem aber ist Adam Green ein unermüdlich arbeitender interdisziplinärer Künstler. Bereits mit gerade einmal Mitte 30 blickt dieser Mann auf eine Karriere als Wegbereiter des Antifolk mit den Moldy Peaches ebenso zurück wie auf sieben Soloalben, Filmprojekte, Musik für ein Theaterstück, diverse Kunstausstellungen, einen Gedichtband. Zuletzt veröffentlichte Green 2013 ein ganz entzückendes Duett-Album mit Binki Shapiro in der Tradition von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra, eine seiner besten Arbeiten überhaupt.

Es ist nun lediglich konsequent, dass Adam Green für sein bislang ambitioniertestes Projekt all seine Talente und Neigungen so stringent wie nie zusammenführt. So präsentiert „Adam Green’s Aladdin“ auf bislang einmalige Weise zu gleichen Teilen den bildenden Künstler, den Filmemacher und den Musiker Adam Green. Ganz wichtig aber auch: Die einzelnen Teile des Projekts greifen ineinander, sind aber auch problemlos einzeln goutierbar.

Ausgangspunkt für das Aladin-Projekt waren vor einigen Jahren Greens von klassischen Comicfiguren wie Donald Duck inspirierte Kunstausstellungen „Teen Tech“ und „Cartoon And Complaint“. „Damals habe ich eine Art symbolisches Alphabet aus diesen Figuren kreiert“, sagt Green. „Für mich sind Album, Film und Ausstellung nun die logische Weiterentwicklung dieses Konzepts.“ Die Symbolik, die in seinen damaligen Arbeiten angedeutet wurde – der Einfluss der Technik auf unser Leben, Totalitäre Systeme, Liebe in Zeiten des Internets, um nur einige Themen zu nennen – wird nun in „Adam Green’s Aladdin“ entblättert und hinterfragt.

Insgesamt drei Jahre hat der New Yorker an den verschiedenen Ebenen des ehrgeizigen Projekts gearbeitet. Das neue Album „Aladdin“, sein erstes Solo-Werk seit 2010, nahm er über die Weihnachtstage des 2014 in Los Angeles auf. Produziert hat es abermals Noah Georgeson, der bereits die vorangegangenen zwei Alben betreut hatte. Die Band besteht aus einigen der interessantesten Protagonisten der aktuellen Silver-Lake-Indie-Scene: Stella Mozgawa von Warpaint spielt Schlagzeug, der Gitarrist Rodrigo Amarante (Little Joy) sowie der Multiinstrumentalist Josiah Steinbrick (u. a. Devendra Banhart) komplettieren das Line-up, mit dem Green insgesamt 13 Songs aufnahm, die nun den Soundtrack des Films ebenso bilden wie sie als das beste und vielseitigste Adam-Green-Album seit längerer Zeit funktionieren.

„Die Arbeit am Skript und an der Musik lief parallel“, sagt Adam Green. „Zwischendurch war ich mir nicht mehr sicher, ob das, was ich gerade schrieb, nun besser zu einem der Dialoge oder zu einem Songtext passen würde. Am Ende war das aber auch gar nicht so wichtig, weil beides dem gleichen Geist folgt.“ Tatsächlich bilden dialogische Schnipsel aus dem Film auf „Aladdin“ die Brücke zwischen den einzelnen Songs und öffnen Räume für die Vorstellungswelt des Hörers. Green sagt aber auch: „Das hier ist kein Musical oder so was. Es gibt ein Album und einen Film – und wenn beides zusammenfindet, ergänzt das eine das andere.“ Es sei ihm wichtig, dass man die Geschichte und die Themen des Albums auch dann versteht, wenn man den Film nicht gesehen hat. „Zunächst einmal wollte ich einfach nur mein nächstes Album schreiben. Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich ticke, welcher Welt meine Songs entstammen, was in meinem Kopf vorgeht. Das ist mir mit dieser Platte zum ersten Mal wirklich gelungen. Danach werden die Leute hoffentlich meine Musik generell besser verstehen können.“

Der rote Faden im Werk von Adam Green lässt sich vielleicht so beschreiben: Immer wieder unterzieht sich der Musiker einer bewussten Limitierung, um mit minimalem Produktionsmitteln maximale Wirkung zu erzielen. Ausdruck und Intention sind ihm dabei deutlich wichtiger als hohe Budgets, Adam Green ist quasi der Inbegriff des Low- Budget-Künstlers. Auch zur Zeit seiner größten Erfolge hat er meist der Versuchung widerstanden, mit großem Orchester in gigantischen Studios zu arbeiten. Deshalb ist Folk der Schlüssel zum Verständnis zumindest seines musikalischen Werks: Nach der alten Binse ist auch bei Adam Green ein guter Song nur dann wirklich gut, wenn man ihn alleine mit der Gitarre aufführen kann. Mit dieser Philosophie im Hinterkopf ging er auch die Arbeit am Aladin-Projekt an.

Die meisten Songs auf „Aladdin“ sind liebevoll verschmitzte Miniaturen, minimalistisch, aber äußerst effektiv instrumentiert in der Weise, wie man es von Green kennt – und doch ganz anders. Behutsam fügen sich etwa bei „Someone Else’s Plan“ Glockenspiel und ein harmonisch an Joy Division erinnerndes Space-Keyboard in die Komposition. Abermals leben Greens Songs indes in erster Linie von diesen einmaligen Melodien, die nicht zuletzt von dem Widerspruch aus Greens staatstragendem Crooning und den anarchischen, gewitzten Texten profitieren, die das klassische Themenbild dieser Art von Musik verweigern. Auch 2016 gibt es bei Adam Green keine hollywoodartigen Boy-meets-girl-Geschichten, der Sarkasmus, der Irrsinn und der Schalk im Nacken des Komponisten sind diesen Liedern fest eingebrannt.

Es sind schlichte und entwaffnende Wahrheiten wie im Song „The Nature Of A Clown“, die nur Green so charmant formulieren kann, weil sie bei anderen naiv klingen würden: „I’m not gonna kiss you / Unless you want me to / So want me to.“ „Birthday Mambo“ ist dann eben das, ein allerdings beschwipster Mambo, das Instrumental „Chinese Dance Theme“ klingt weniger fernöstlich als der Titel vermuten lässt, sondern könnte auch die Titelmelodie eines Videogames aus der Frühzeit des Genre sein. Die erste Single „Never Lift A Finger“ ist eine aus dem Geisterreich herübergewehte Miniatur, „Love Is On It’s Way“ schließlich ein Instant-Classic von betörender Eleganz.

Im Vordergrund aller Songs steht abermals dieser sonore Bariton, den man immer noch zwischen Jim Morrison und Sinatra verorten könnte, wäre Adam Green nicht längst zu einer eigenen Referenzgröße gereift. Konkret wird die Green-typische Mischung aus biografischen Fetzen, Zerrbildern, Traumsequenzen und Imagination in „Life in A Videogame“, ein Titel, der das Konzept des „Aladdin“-Projekts am ehesten illustriert. Inspiriert von der klassischen Aladin-Erzählung aus „Tausendundeine Nacht“, kreiert Green hier eine virtuelle Miniatur-Realität im Stile von „Second Life“. Er folgt dabei der Überlegung, dass Videospiele in unseren Tagen gewissermaßen das Märchen als wichtigste Erzählform für Kinder und Jugendliche abgelöst haben. „Mein erster feuchter Traum war, dass ich ‚Mario Brothers’ gewonnen hatte, und zur Belohnung die Prinzessin bekam“, erinnert sich Adam Green. „In dem Moment, wo sie vor mir stand, hatte ich meinen ersten Orgasmus im Schlaf.“

Natürlich geht es jemandem wie Adam Green nicht um den Hyper- realismus der heutigen Videogame-Generation. Es ist der Minimalismus der frühen Tage, der ihn begeistert und geprägt hat. Wie im literarischen Vorbild gibt es auch in „Adam Green’s Aladdin“ einen Flaschengeist und eine Prinzessin. „Letztere erinnert allerdings eher an eine der Karda- shians“, sagt Green lachend. „Einige Aladin-Elemente habe ich übernom- men“, sagt er. „Allerdings ist unser Sultan zum Beispiel eine durch und durch tyrannische und korrupte Person. Generell ging es mir nicht um die Disney-Variante von Aladin, sondern ich nehme mich dieser Themen aus einer modernen Perspektive an. Es werden die Sorgen und Nöte unserer Zeit verhandelt.“ In Zeiten, wo die Leute ihre Prinzessin eher bei Tinder finden als in orientalischen Klischeewelten, sicher ein vernünftiger Ansatz.

Trailer "Aladdin" auf YouTube  Trailer zum Film „Adam Green’s Aladdin“

Im gewohnten Understatement bezeichnet Adam Green den Film als „ein kleines Nachbarschaftsprojekt“, das er ausschließlich mit guten Freunden realisiert habe. Das mag im Kern stimmen, allerdings hat Green natürlich das große Glück, dass sich sein Freundeskreis unter anderem aus professionellen Schauspielern wie Zoë Kravitz, Natasha Lyonne und Macauly Culkin zusammensetzt, die alle in „Adam Green’s Aladdin“ mitspielen. Außerdem sind die Musiker Devendra Banhart und Andrew VanWyngarden (MGMT) und einige andere dabei. Aber Green hat schon Recht, trotz der prominenten Mannschaft erinnert „Adam Green’s Aladdin“ ein bisschen an den wunderbaren Film „Be Kind Rewind“ von Michel Gondry, in dem die trotteligen Nerd-Angestellten einer von Monopolisten bedrohten Liebhabervideothek den Laden ihres Chefs retten, indem sie die Klassiker der Filmgeschichte mit minimalen Mitteln mithilfe der Nachbarschaft nachdrehen. Adam Green selbst sagt, man müsse sich den Film vorstellen „wie eine ‚Simpsons‘-Folge, für die er die Kulisse gebastelt hat. Als eine Art ,South Park‘-Version von New York.“

Als Drehort diente Green ein altes Lagerhaus in Red Hook, einer abgelegenen Ecke von Brooklyn, die nicht einmal über einen U-Bahn-Anschluss verfügt, weswegen der Musiker die anderthalb Stunden von seiner Wohnung im East Village zum Drehort stets zu Fuß zurücklegte. In diesem Lagerhaus gestaltete der Künstler insgesamt sieben Räume mit einer Pappmasché-Welt, die nun die Kulisse des Films bildet. Natürlich gab es haufenweise Probleme: „Wir arbeiteten während des Sommers“, sagt Green, „es war so unglaublich heiß, an manchen Tagen hatte es bis zu 43 Grad, eine ernsthafte Bedrohung für die Pappmasché-Kulisse.“ Als die Luft sich endlich abkühlte und der Regen kam, ging der Ärger erst richtig los. Das Dach des Gebäudes war undicht, immer wieder wurden die fragilen Pappmasché-Konstruktionen durch eindringendes Wasser beschädigt. „Eine verrückte Zeit“, sagt Green, „ich habe wahnsinnig viel abgenommen, weil ich einfach keine Zeit mehr zum Essen hatte.“

Adam Green ging das Projekt freilich weniger spontan an, als diese Auslassungen nahelegen. Drei Jahre arbeitete er am Skript, der Kulisse und den Songtexten, parallel lief eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne zur Finanzierung des Films. Dass er bei der Koordination all dieser Tätigkeiten nicht den Überblick verlor, hat er nicht zuletzt seiner Frau zu verdanken. Seit 2013 ist Adam mit der Google-Mitarbeiterin Yasmin Dolatabadi verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Sie unterstütze ihn bei dem Projekt und hat den Film gemeinsam mit Green produziert. Auch sonst scheint das Familienleben dem Musiker gut zu tun. Der Adam Green früherer Jahre war ein liebenswerter Chaot – und ein guter Songschreiber, der den humoristischen Aspekt seiner Auftritte bisweilen ein bisschen übertrieb. Der Adam Green von heute ist ein fokussierter und ausgeglichener Künstler auf der Höhe seines Schaffens. Wer hätte das zu Moldy-Peaches-Zeiten erwartet?

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