The Kooks – Let’s Go Sunshine – 31.08.2018

THE KOOKS

Biografie – Mai 2018

Label: Lonely Cat / AWAL Recordings
Album: Let’s Go Sunshine
VÖ: 31.08.2018
Luke Pritchard kann es selbst wohl am wenigsten glauben und schüttelt verwundert sein lockiges Haupt, aber mit dem Erfolg ausverkaufter Arenen und einer Milliarde Streams im Rücken könnte 2018 das bisher größte Jahr für The Kooks werden.

“Wir steckten mitten in den Albumaufnahmen, als die Band plötzlich wieder abhob”, sagt er. “Ich habe nicht den leisesten Schimmer, wie das passiert ist. Eigentlich war dieses Album dazu gedacht, The Kooks irgendwie zu retten, aber dank dieser Entwicklung gewannen wir mit der Zeit immer mehr Selbstbewusstsein. Ich empfand keine Genugtuung oder so, aber es fühlte sich richtig und toll an. Es war definitiv etwas passiert.”

Und was genau war das? Durch Bands wie The 1975, Blossoms und Catfish & The Bottlemen wurde eine neue Generation junger und nicht so zynischer Indiepop-Fans auf Kooks-Klassiker wie ‘Naïve’ aufmerksam – ein Track, der schon über zehn Jahre in den Spotify Top 200 ist – und verliebten sich in den charmanten, lebhaften Gitarrenpop der Band. Neue Singles wie z. B. ‘Be Who You Are’ von 2017 wurden innerhalb weniger Wochen 1,5 Millionen mal abgerufen, ihr Auftritt im Londoner Alexandra Palace war innerhalb von Sekunden ausverkauft und letztes Jahr sorgte die Veröffentlichung der Compilation ‘Best Of… So Far’ für eine umfangreiche, ausverkaufte Arena-Tour. Plötzlich und ohne Ankündigung waren The Kooks zu einem Pop-Phänomen geworden. Mal wieder.

“Streaming sorgt für gleiche Voraussetzungen und das ist für uns neu”, erklärt Luke. “The Kooks sollten nie wirklich groß werden, man hat uns nie den roten Teppich ausgerollt. Aber jetzt haben wir ein neues Publikum, das nicht so eine negative Einstellung hat. Die Leute denken, ‘Naïve’ wäre ein neuer Song. Der Song hat ein neues Leben!”

Die zweite Erfolgswelle erreichte die Band mitten in einer existentiellen Krise und bestätigte das Talent und die Hartnäckigkeit von Luke, seiner rechten Hand, Gitarrist Hugh Harris, Bassist Peter Denton und Drummer Alexis Nunez. “Es ist eine stetige Entwicklung”, erklärt Luke. “Wir haben nie die Köpfe in den Sand gesteckt, sondern immer einen Fuß vor den anderen gesetzt.”

Und nicht selten blies ihnen dabei ein scharfer Wind ins Gesicht. The Kooks waren Absolventen der BRIT School in Croydon und des Brighton Music College BIMM. 2005 veröffentlichte die Band eine Reihe von Top 20-Hits (‘You Don’t Love Me’, ‘Naïve’, ‘She Moves In Her Own Way’) und 2006 folgte ihr Debütalbum ‘Inside In/Inside Out’, von dem bisher zwei Millionen Exemplare verkauft wurden. Der Nachfolger ‘Konk’ schlug 2008 direkt ein wie eine Bombe und erreichte mit der Top 3-Single ‘Always Where I Need To Be’ Platz 1 der britischen Albumcharts. Den Weggang ihres Bassisten Max Rafferty und ihres Schlagzeugers und Gründungsmitglieds Paul Garred, sowie die negative Publicity, die der Gitarrenpop der 2000er-Jahre von der Presse erhielt, hatte die Band mit Durchhaltevermögen und Umsicht erstaunlich gut überstanden. “Diese Erfahrung lehrte uns Bescheidenheit und damit wurden auch unsere Alben besser”, meint Luke. “Wir dachten die ganze Zeit, ‘wir gehören nicht zum Club’, und darum bemühten wir uns immer noch ein bisschen mehr.”

Und entwickelten sich ständig weiter. 2011 erschien das Top 10-Album ‘Junk Of The Heart’ und zementierte ihre Position als eine von Großbritanniens besten Gitarrenpop Bands. Es war auch ein Album, mit dem The Kooks ihren musikalischen Horizont erweiterten. Luke war auf Soundcloud auf den Londoner Hip-Hop Produzenten Inflo gestoßen, den er selbst als einen “jungen Quincey Jones” beschrieb. Mit ihm produzierten sie das vierte Album ‘Listen’, auf dem 2014 ihre fantastischen Melodien auf R&B-, Jazz und Gospelelemente trafen. “Wir wollten ausdrücklich, dass es kein Popalbum wird”, erinnert sich Luke. “Aber ich schreibe nunmal Popsongs. Ich kann nichts dagegen tun. Und ich finde, wir haben das ganz gut hingekriegt und uns nicht zu weit von unserer Identität entfernt. Trotzdem war es cool, ein bisschen mit R&B zu experimentieren und so zu tun, als wäre ich Craig David.”

Diesen Weg wollte Luke auf dem fünften Album weitergehen und Inflos elektronischen Impulsen folgen. Direkt nach der ‘Listen’-Tour 2015 gingen sie an die Arbeit. Vier Monate lang schrieben sie gemeinsam und sammelten Ideen. Aber während einer nervenaufreibenden dreiwöchigen Session in L.A. kam der Prozess plötzlich zum Stehen.

“Es war ein komplettes Desaster”, gibt Luke zu. Peter hatte sich mit Flo gestritten und den nächsten Flug nach Hause genommen. Ich blieb noch einen Tag, danach ging ich auch. Alles löste sich auf, hauptsächlich weil wir keine Songs hatten. Ich hatte mit Inflo eine richtig gute Verbindung. Ich finde, wir haben zusammen sehr coole Musik gemacht. Darum machten wir bald weiter – mit der Band – und dann hatten wir alle eine Erleuchtung: ‘Das sind wir nicht. Das sind nicht The Kooks.’ Ich hatte diesen Moment, wo ich mir sagte: ‘Ich will wirklich die Gewohnheit durchbrechen und ein richtiges Bandalbum machen, ich will ein Gitarrenalbum machen’. Ich wollte die Musik wieder auf diese Ebene zurückholen: ‘Sind die Songs gut? Und sind die Texte gut?’ Und das galt auch für die Chemie zwischen den Jungs.”

Die Band verwarf das “künstlerische”, beat-lastige Material, mit dem man fast ein komplettes Album hätte füllen können. Und motiviert durch ihre phänomenale Rückkehr als Wegbereiter und Vorbilder von The 1975 und Catfish gönnten sich The Kooks eine kreative Atempause, veröffentlichten 2017 das Album ‘Best Of… So Far’, spielten eine ausverkaufte Arena-Tour und setzten sich dann zusammen, um die Band neu zu definieren. “Wir überlegten: ‘Was sollen The Kooks eigentlich sein? Was wollen wir erreichen?’”, erklärt Luke. Und was war das Ergebnis? “Als Songwriter wollte ich eine Weiterentwicklung  vieler britischer Bands sein. Es sollte The Kooks sein, dann Blur, Oasis, die Kinks – das klingt ein bisschen fett, aber das ist unsere Ambition. Ich hatte die deutliche Eingebung, dass wir ein modernes, zeitloses, britisches Album machen mussten, einen Klassiker wir ‘Definitely Maybe’.”

Die Zeit war reif für ihr ultimatives Bandalbum und als sie bei einem Grillabend den Grunge-Produzenten Brandon Friesen kennenlernten (wir werden offensichtlich zu den falschen Grillparties eingeladen), hatte Luke mit ihm eine überraschend ähnliche Wellenlänge. “Er war der Inbegriff eines Rockband-Produzenten”, lacht Luke. “Er war wie Jack Daniels und Coke und ‘ich will ein AC/DC-Album machen’. Aber er liebte Britpop und hatte diese Leidenschaft – darum hat es echt geklickt zwischen uns.”

Sie gingen wochenweise in Friesens Studio in seinem Haus in den L.A. Valleys – immer wenn ihnen die ‘Best Of…’-Tour Gelegenheit dazu gab – und verbrachten die letzten drei Wochen in den Producer’s Workshop Studios, ebenfalls in L.A., direkt neben dem Museum Of Death (“geht da auf keinen Fall rein, ich habe noch nie so etwas Krankes gesehen!”). Und so bastelten sich The Kooks über einen Zeitraum von sechs Monaten und mit der Unterstützung von Co-Writer Chris Seefried ihr eigenes ‘Rubber Soul’ zusammen. “Wir wollten etwas mit viel Herz machen”, erzählt Luke. “Meine Freundin hatte mich während der Amerikatour wegen eines anderen verlassen. Das war nicht sehr nett. Es war brutal und darum war ich ein bisschen zurückhaltend. Aber dann traf ich ein tolles Mädchen und schrieb diese Songs. Ich wollte ‘Rubber Soul’ schreiben, etwas richtig Romantisches, was irgendwann zum musikalischen Erbe Großbritanniens gehören kann.”

‘Let’s Go Sunshine’ ist mit Abstand das beste Kooks Album seit ihrem Debüt. Es ist ein verliebter Klassiker, der sich beim ersten Hören schon öffnet. Wie alle großartigen, britischen Alben lässt sich auch dieses in eine Schublade pressen: Es vereint Retro Funk, Dreampop, Epic Glam, Indierock, Country Punk, Kammerballaden und mehr – es sucht nach Abenteuern, nicht nach Stillstand. Dass das Comeback gleich von zwei Singles eröffnet wird, ist ein weiterer Indikator für die angedachte Marschroute. Mit ‘No Pressure/All The Time’ steht ein leichter, glitzernder Indiepop Song neben einer satten, stolzen Disco Funk-Nummer. Und das ist nur ein kleiner Teil dieser weitgefächerten und verzweigten Geschichte. Dass der atmosphärische Arena-Rock von ‘Believe’ auf demselben Album sein kann wie das leuchtende Whiskeybar Skiffle Epos ‘Weight Of The World’, widerspricht allem bisher Dagewesenen. Dasselbe gilt für die Emo-Jig ‘Pamela’ und ‘Swing Low’, welches wiederum klingt als hätte sich Ziggy Stardust in eine Probe der Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band gebeamt. Aber am Ende verbindet sich alles zu einem großen, verspielten Ganzen: ‘Let’s Go Sunshine’ ist bewegend, energiegeladen, euphorisch und zeitlos melodisch und in seinen Texten über das moderne Leben nicht weniger kraftvoll und bildreich.

Denn es ist nicht nur das ausgereifteste und vielseitigste Album der Kooks; es ist auch textlich und thematisch genauso breitgefächert und überraschend wie die Musik. Das Herz und die Seele des Albums bilden die Songs über den Verlust der Unschuld, romantische Schwärmereien und neue Liebe. Songs, in denen sich Luke an einer verblassenden Beziehung festklammert (der heiße Funkpop von ‘All The Time’ und der glitzernde Instant-Hit ‘Fractured And Dazed’) und sich dann in den galoppierenden “Bonnie & Clyde Vibes”einer neuen verliert (‘Initials For Gainsbourg’ und der atemberaubende letzte Walzer ‘Picture Frame’); Songs die den kompletten Prozess von Trennung und Heilung nachzeichnen oder, wie im Fall von ‘Pamela’ erzählen, wie man “sich in eine psychisch instabile Person verknallt – das haben wir doch alle schon mal erlebt.”

Aber auch die typischen Luke-Songs finden sich auf demAlbum und machen es zu einem Barometer der britischen Sparpolitik – mit Unzufriedenheit und einer Jugend ohne Träume. ‘Four Leaf Clover’ ist ein unverwechselbarer Kooks-Song über ein Mädchen mit einer Seele wie ein Autowrack – von ihrem Liebhaber verlassen trinkt und flirtet sie die Nächte hindurch bis “when the night is over and the drugs are gone, you feel the world is getting colder, you’ve got no-one to hold”. Luke erklärt: “Eine negative Haltung kommt oft von Unsicherheit und darüber wollte ich schreiben. Über diesen Augenblick im Leben, einen Schnappschuss, in dem zwei Personen zusammen in der Scheiße stecken und sie landen zusammen in ihrer Wohnung, koksen und bemitleiden sich selbst. In der Geschichte steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, denn ich habe dieses Leben gelebt; ich war vollkommen alleine und es ging mir einfach mies.“

‘Chicken Bone’ ist die Geschichte eines Jungen, der mit regelmäßigen kurzweiligen “Big Fun Mama”-Sexanrufen dem Druck des Großstadtlebens entflieht. ‘Tesco Disco’ ist ein herrliches Stück Pop-Psychedelia über Videospiele und Dope gegen die Langeweile. Und ‘Kids’ ist ein lauter Neo-Grunge Track, in dem Luke sich der grundsätzichen Forderung der Welt widersetzt, ihren Vorstellungen entsprechen zu müssen, und gleichzeitig klarstellt: “the kids are not alright”. “Es gibt diese Ungerechtigkeit gegen unsere Generation”, sagt er. “Die Jugend zahlt den Bierdeckel ab. Unsere Generation bezahlt den Bierdeckel für die vorhergehende Generation und das kotzt mich wirklich an; so Scheiße wie Brexit, meine ich. Explodierende Miete spielen eine große Rolle in dem Song: Ich habe Freunde, denen es echt nicht schlecht geht und trotzdem können sie sich nicht die Kaution für eine neue Wohnung leisten. Es ist eine kranke Welt, ein krankes Land.”

Es gibt auch Momente, da erwischt einen ‘Let’s Go Sunshine’ auf dem falschen Fuß. Wenn Luke auf ‘Swing Low’ singt: “I’ve been lost, locked up and shot/I’m never gonna let them win, never going down again”, könnte man auf den Gedanken kommen, dass er mit seinen Kritikern abrechnet. Aber “der Song ist für alle, die immer gemobbt werden oder deren Fußballteam ständig verliert … ich habe ihn für Crystal Palace geschrieben”. Oder wenn auf ‘Honey Bee’, welches quasi eine neue Version von ‘Not Fade Away’ ist, eine unbekannte, warme Countrystimme zu hören ist und man sich fragt, welche Countrylegende The Kooks hier als Special Guest an Land gezogen haben – und dann ist die Antwort noch viel herzerwärmender, als man sich vorstellen kann:

“Den Song hat mein Vater geschrieben”, erzählt Luke. “Ich habe ihn von meiner Schwester bekommen. Mein Vater starb, als ich noch ein Kind war. Ich hatte seine Gitarre und seine ganze Musik. Er ist nie berühmt geworden oder so, aber da gab es immer diesen Song. Ich habe ihn einmal in Deutschland gespielt. Und als ich ihn im Studio spielte, nur so zum Spaß, sagte der Engineer: ‘Das klingt ziemlich cool, das will ich aufnehmen’. Und dann kamen nach und nach immer mehr Leute rein und sagten ‘Das ist der Knaller!’ Ich bekam den Gesang und es ist die Stimme meines Vaters. Es war ziemlich krass, mit meinem Vater zu singen.”

Die Kooks-Familie wächst weiter; mittlerweile hat sie Arenagröße erreicht und ist durch Streams verlinkt, aber auch emotional eng verbunden. Jetzt legen The Kooks ein zeitloses Album zum Feiern, Teilen und Mitsingen vor. Kommt doch dazu!

Mark Beaumont

 

 

 


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